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Leseprobe: Der Sonnenbruder

 ... "Sag, Heini", fragte Beatus, „mir fällt eben ein, warum hast du denn die blühende Wegwarte nicht abgerissen, auf die du so losgestürmt bist, als du deinen Muttergottesstrauß pflücktest?"

„Weil ich beim Näherkommen sah, dass sie weiße Blüten trug. Die weißblühende Wegwarte ist nämlich ein gewaltiges Zauberkraut, musst du wissen, und wer sie bei sich trägt, den schützt sie vor Hexen und der bösen Drud. Doch muss sie an einem ganz bestimmten Tag gepflückt werden, wenn sie diese Kräfte haben soll, so sagen die alten Leute, aber ich habe diesen Tag noch nicht erfahren können. Doch hab’ ich weiter gehört, dass es damit nicht genug sei. Es muss auch eine ganz bestimmte Stunde sein, ich denk wohl gegen Abend, gerade wenn die Sonne den Horizont berührt und die Verbindung zwischen dem Himmel und der Erde hergestellt ist, denn dann sollen viele himmlische Kräfte, die wir nicht kennen, in unseren Boden und in alle Lebewesen hineinfließen. Aber selbst wenn ich Tag und Stunde wüsste, so wär’s damit noch lange nicht getan, denn ich hab’ einmal von einem alten Kunden gehört, man müsse sie mit einem ganz bestimmten Spruch anreden, wenn man sie aus der Erde hebt. Doch so viel ich mich auch danach erkundigt hab’, es hat keiner den Spruch gewusst."

So bedauernd klangen diese Worte, dass Beatus fragte: "Sag, Heini, glaubst du denn etwa das abergläubische Zeug, das diese guten Leute daherreden?"

Da blieb Vögele-Heini auf der Straße stehen, stieß den Stock in den Staub und sagte kopfschüttelnd, den anderen mit großen, erstaunten Augen ansehend: „Aberglauben? Aberglauben? So etwas nennst du Aberglauben! Ja, so sagen sie alle, die in den Städten hocken und sich wunder was einbilden auf ihre Klugheit! Ich aber sage dir eines: Warte nur, bis du jahrelang auf der Landstraße gewesen bist, und bis alle naturfremden Hüllen von dir abgefallen sind und du wieder ganz in die Natur hineingewachsen bist, dann wirst du schon deine Wunder erleben und anders reden! Denn merke dir, dass sie anfangs zurückhaltend ist und dir ihre Geheimnisse verschließt und verwehrt, bis du für sie reif geworden bist. Warte nur, sag’ ich dir, bis es so weit ist, und du wirst erfahren, dass es überhaupt keinen Aberglauben gibt! Du wirst dann am eigenen Leibe erleben, und mit deinen eigenen Augen sehen, dass alles, was die in den dumpfen, trostlosen Steinschlitzen der Städte drinnen mit Nasenrümpfen abtun wollen, Wahrheit, tiefste, weiseste Wahrheit ist! Warten nur bis du einmal einen rettungslosen Kranken siehst, dem alle Ärztekunst nicht helfen konnte, der jahrelang mit seinen Wunden siech im Bett liegt, und dann kommt einmal ein gebücktes Weibel oder ein alter, erfahrener Kunde, legt ihm eine Salbe auf, die nur aus Kräutersäften gemacht ist, und er, der Unheilbare, steht nach ein paar Wochen auf und ist geheilt und gesund; oder bis du siehst, das einer einem anderen Kranken bloß die Hände auflegt und mehrmals über ihn streicht, und der Kranke steht auf und fühlt sich frisch, wie ein Fisch im Wasser; oder aber, wenn du nachts im Walde plattgemacht hast und du plötzlich die Augen aufschlägst und es ganz seltsam vor dir zwischen den Stämmen huschen siehst, warte nur, bis du dies alles erlebt hast, und du wirst es erleben, dann wirst du anderer Meinung werden, dann wirst du von Wundern und Dingen und geheimen Kräften wissen, von denen sich die Stadtleute nichts träumen lassen! Und du wirst dann Mitleid empfinden für diese Bedauernswerten in ihren Städten, die riesigen Steingräbern gleichen."

Während der andere so redete, sah Beatus greifbar das liebe, kluge Gesicht des alten Bernauer Flickschusters vor sich und hörte die Worte wieder, die Vater Hahn an dem unvergesslichen Abend gesprochen und die so seltsam mit denen übereinstimmten, die sein Weggenosse nun mit so tiefer Überzeugung zum Ausdruck brachte. Und es stieg ihm leise der Gedanke auf, dass etwas, das so tief in der Volksseele verankert ist, doch nicht jeder Glaubwürdigkeit ermangeln könne.

„Ich kann dir das zu wenig treffend sagen, aber wenn du je dem Wunderapostel begegnen solltest, dann schau, dass du dich an ihn halten kannst. Von dem wirst du Dinge erfahren und sehen - falls er dich an sich herankommen lässt -, die dir jeden Zweifel nehmen werden."

„Der Wunderapostel, wer ist das?" fragte Beatus beinahe ungestüm. ...

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