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Leseprobe: Der spirituelle Schritt und die Heilige Messe

Der Abschnitt "Der spirituelle Schritt und die Heilige Messe" beeindruckt mich sehr, weshalb diese Leseprobe etwas länger ausfällt.
Feiern wir Messe in diesem Bewusstsein? Feiern wir Messe in diesem Bewusstsein! 

Leseprobe aus „Der spirituelle Weg“ von Bertram Dickerhof 
Der Leseprobe voraus gehen in Kapitel: „Der spirituelle Schritt und das Evangelium“
Seite 185 - 1. Nachfolge Christi
Seite 186 - 1.1. „Hassen“ der Familie
Seite 189 - 1.2. Armut
Seite 196 - 1.3. Selbstverleugnung und tägliches Kreuz
Seite 200 - 2. Die Bedeutung Jesu 
Seite 200 - 2.1. Freilassende Liebe als geschichtliches Ereignis 
Seite 204 - 2.2. Jesus weist den spirituellen Weg
Seite 206 - 2.3. Christus als Gestalt des wahren Selbst 
Leseprobe ab Seite 209:
3. Der spirituelle Schritt und die Heilige Messe

Ich möchte den inneren Prozess eines offenen und aufmerksamen Mitfeiernden der Eucharistie rekonstruieren und in Beziehung setzen zu den Momenten des spirituellen Schritts. Dieser innere Prozess wird in Gang gesetzt und gesteuert durch die ritualisierten Handlungen des Priesters und seine Worte. Sie lösen jeweils ein inneres Geschehen bei den teilnehmenden Männern und Frauen aus, das von den weiteren "Interventionen" der Liturgie aufgenommen und fortgeführt wird. Die Geschichte der Emmausjünger, abgedruckt zu Beginn dieses Kapitels (S. 181), werde ich immer wieder als Beispiel heranziehen, da die Messe der Struktur ihres Ganges folgt.
3.1 Beginn der Messe, Wortgottesdienst, Gabenbereitung
Wer an der Heiligen Messe teilnehmen will, muss die äußere Welt der alltäglichen Themen und Verrichtungen hinter sich lassen und sich auf den Weg machen zum Versammlungsort. Die Gläubigen betreten zu Beginn der Messe das Innere der Kirche und werden dort gegrüßt mit dem Zuruf: "Der Herr sei mit euch!" Der betretene Raum soll ihnen nicht wüste Halle, sondern heiliger und erfüllter Raum sein. Das gilt für den zu Stille und Einkehr animierenden Kirchenraum, und es gilt für das eigene Innere, zu dessen Betreten der Priester sogleich einlädt: "Wir wollen uns besinnen und das Erbarmen des Herrn auf uns herabrufen" (Messbuch). Das Be-sinnen, Innewerden der eigenen Wirklichkeit, bedarf einer Zeit der Stille und des Schweigens. In ihr geht es nicht um Schnäuzen und Husten, nicht um einen Check der eigenen Anständigkeit und ihrer Lücken, nicht um einen flüchtigen Blick ins eigene Innere. Die Ziele heißen Selbstkontakt und Sammlung. Sie sind nur durch In-sich-Gehen zu erreichen. Welche Wirklichkeit immer dabei angetroffen werden mag, sie ist unterfasst von der Präsenz des Herrn, der "mit euch sei" auf diesem Gang nach innen. Unsichtbar begleitet er ihn wie die Emmausjünger und stellt ihn in einen Horizont von Erbarmen und Versöhnung. Des Herrn Geist der Liebe tut not, da der sich seinem Inneren Zuwendende eine Differenz feststellen wird zwischen seiner Sehnsucht und seiner Wirklichkeit hier und jetzt. Abgeschlossen wird der erste Besuch bei sich selbst mit der Bitte um Annahme: "Der allmächtige Gott erbarme sich unser. Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben" (Messbuch).
Wenn der Eintritt ins Innere nur ungenügend erfolgt, fehlt den weiteren Worten des Priesters und den liturgischen Handlungen der Adressat. Dieser, der Besucher der Messe, ist dann nämlich nur wenig anwesend oder nur wenig offen. Was soll ihm dann ein Wortgottesdienst sagen, in dem es ja nicht vor allem um äußere geschichtliche Fakten und Hintergründe geht, sondern um Heilsgeschichte, die das Außen von innen her verwandeln will? Wie soll ein Mitfeiernder, der kaum im Kontakt mit sich selbst ist, die Einladungen der Mahlfeier beantworten können? Bei dem, der nur wenig gesammelt an der Messe teilnimmt, kann sich auch nur wenig innerer Prozess und wenig innere Wandlung vollziehen. Da der Eintritt ins eigene Innere und das Bleiben darin den Boden für die ganze Feier der Messe bereiten, kommt dem Beginn der Messe hohe Bedeutung zu. In der Geschichte der Emmausjünger macht die Exploration ihres Inneren die Hälfte des Textes und des Weges aus. Ihr "Priester" Jesus gibt ihnen die Zeit, sich all ihrer Enttäuschung, ihrer Verwirrung, ihres Überfordertseins, allem eben, was ihr Inneres ausmacht, bewusst zu werden, mehr noch: es auszusprechen, bevor er darauf eingeht.
Bei der Bewusstwerdung der eigenen Welt bleibt der Prozess jedoch nicht stehen. Gott hat sein Wort in sie hineinzusagen. Dafür rüstet das Tagesgebet der Messe die Teilnehmenden zu. Die Versammelten brauchen Zeit, um von der Offenbarung, aus der nun vorgelesen wird, berührt werden zu können. Sonst rauschen die Texte, einer den anderen zuschüttend, an ihnen vorbei, ohne eine Wirkung zu hinterlassen. Die Auslegung der Texte sollte die Zuhörer zunächst dort abholen, wo sie stehen, damit ihre Botschaft über zwei Jahrtausende hinweg den heutigen Menschen erreichen kann. Die Botschaft, die die Wirklichkeit enthüllt, wie sie ist - letztgültig ist sie, wie Gott sie offenbart -, steht im Kontrast zur Weltanschauung des Menschen, sodass eine wesentliche Aufgabe der Predigt darin besteht, diese als idiosynkratische Weltkonstruktion aufzudecken. Die egomane Weltsicht der Emmausjünger z. B. - und nicht nur ihre! - gewinnt Kontur in ihrer Überzeugung, dass der Messias, von dem sie die Erlösung Israels erhoffen, über dem Leiden stehen muss, also unmöglich selbst leiden und am Kreuz sterben kann. Dieser Überzeugung widerspricht der sie Begleitende entschieden, auch wenn er seine Konfrontation in die rhetorische Frage kleidet: "Musste der Messias nicht all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit einzugehen?" Danach nimmt er die beiden Jünger mit auf eine lange Reise durch die Schrift: "ausgehend von Mose und allen Propheten [legt er ihnen dar], was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht." Umdenken ist angesagt, aus dem ein Umkehren erwachsen kann, wenn die Hörer des Wortes in Kontakt mit den inneren Bewegungen kommen, die ihren falschen Vorstellungen, ihren Fehlinterpretationen der Wirklichkeit zugrundeliegen. An dieser Stelle hat die Auslegung die weitere Aufgabe, das Vertrauen der Hörer zu stärken. Ohne Vertrauen kann niemand sich dem Sündersein stellen. Dieses Vertrauen wird durch die nüchterne Darlegung gestärkt, dass die wahre Wirklichkeit letztlich Liebe und Wahrheit ist. Im Beispiel der Emmausjünger: Leiden und Tod haben nicht das letzte Wort, wenn sie im Horchen liebend und freiwillig angenommen werden. Dann aufersteht das Leben nämlich und entzündet die Herzen der Menschen.
Die kritische Konfrontation sowie das Vertrauen, welche beide das spirituelle Voranschreiten braucht, vermittelt glaubwürdig ein Priester, der spürbar nicht nur redet, sondern den Weg aus eigener Erfahrung kennt. Für die Zuhörer heute wie für die beiden Jünger damals ist es letztlich die Person des Auslegers selbst, die die Ermutigung für den nächsten Schritt gibt, den es für sie zu wagen gilt.
Die Gabenbereitung lädt nun die Messbesucher ein, sich demütig als ungenügendes Opfer hinzugeben. Um diesen Gedanken zu entwickeln, schauen wir zuerst auf die Jünger auf dem Weg nach Emmaus: Als es Abend wird und die Wanderer sich dem Ziel ihrer Reise nähern, tut Jesus, als wolle er nicht bei ihnen bleiben. Ist er sich nicht sicher, ob seine Begleitung weiterhin gewünscht wird? Immerhin hat er ihnen einiges zugemutet an Gegensatz von idiosynkratischer Welt und Wirklichkeit Gottes, an Spannung von Glauben und Unglauben. Jedenfalls räumt er den Jüngern durch sein Zögern die Möglichkeit einer Stellungnahme ein: Sie bitten ihn, bei ihnen zu bleiben. Ihre Bitte beinhaltet die Bereitschaft der beiden, mit den unaufgelösten Spannungen, die der gemeinsame Weg in ihnen hervorgerufen hat, weiterzugehen. Bei der Bereitung von Brot und Wein in der Messe sind die Gläubigen in einer mit den Emmausjüngern vergleichbaren Lage: Sie haben in die Messe ihre Geschichte und Erlebnisse mitgebracht, auf die der Wortgottesdienst einwirkt: Da mögen Infragestellung und Verunsicherung sein; da gibt es vielleicht Sehnsucht nach der Nähe Gottes; eine gewisse Hilflosigkeit könnte sich ihrer bemächtigt haben, wie die Diskrepanz von gelebter Realität und verheißenem wahrem Leben überwunden werden kann. Vieles ist ungelöst, unbewältigt, ungenügend. Aus dieser Lage erwächst die Frage, ob man sich so sein lassen und offen bleiben kann oder ob es einem zu viel ist und man sich verschließt. Hier nun lädt die Liturgie ein, die derzeitige innere Verfasstheit da sein zu lassen, ja sie als Gabe auf den Altar zu legen. Brot und Wein, "Früchte der Erde und menschlicher Arbeit" (Messbuch), sind das Symbol für sie. Dieser Einladung folgen bedeutet, im Bewusstsein der inneren Spannungen die Messe zu durchleben, und beinhaltet den Verzicht darauf, seine Innenwelt in Ordnung zu bringen. Offensichtlich handelt es sich um eine ungenügende Gabe, die deswegen nur demütig angeboten werden kann. Über sie betet der Priester: "Gepriesen bist du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns das Brot ... und den Wein ... " Das empfundene Ungenügen und die innere Spannung, in denen der Gläubige sich vorfindet, werden also als Geschenk (!) betrachtet. Ein Geschenk, an das die Verheißung von Verwandlung geknüpft ist: " ... damit sie uns zum Brot des Lebens ... und zum Trank des Heiles werden" (Messbuch). Ist das denn möglich? Das angenommene Ungenügen des Gläubigen soll ein Geschenk sein, dem die Kraft zur Verwandlung seiner selbst innewohnt? Nun, auf der psychologischen Ebene haben wir das bereits oben erörtert (S. 97 f). Geistlich betrachtet, schafft Gott den Menschen je jetzt so, wie dieser sich vorfindet, und dafür gilt: "und es war sehr gut!" (Gen 1,31). Aber geht es hier nicht um das Sündersein? Das Ungenügende? Ja! Doch auch die Speisewunder Jesu bestehen gerade darin, dass das für die Sättigung der Vielen offenkundig Ungenügende und anscheinend Wertlose als Gabe angenommen und gewürdigt wird (Joh 6,1-15). Wo "Brot für zweihundert Denare" nicht reichen würde, wo die menschlich verfügbaren Ressourcen stets zu knapp sind, um uns "satt" zu machen, hat das anscheinend Ungenügende der ungeschminkten, konfliktgeladenen inneren Wirklichkeit, das ein Mensch zulässt und da sein lässt, alle Chancen, ihm zum Brot zu werden, von dem er in Ewigkeit lebt (Joh 6,50). Die "glückliche Schuld des Adam", die das Exultet der Osternacht preist, klingt hier an mit der Verheißung, dass Gott Unheil, das in Hingabe an ihn angenommen wird, in Heil verwandelt.
3.2 Wandlung, Mahl und Sendung
Die nun sich anschließende Mahlfeier steigert die Intensität des inneren Prozesses der Messbesucher ungleich mehr. Dazu trägt die Präfation bei, mit der jene beginnt. In feierlichster und erhabenster Weise wird dem Vater gedankt und alles Folgende als sein Wirken gedeutet - als Mitteilung seiner selbst. Vor allem aber wird diese Intensivierung dadurch bewirkt, dass der Mitfeiernde nun mit Passion und Tod seines Gastgebers Jesus und dessen Deutung dieses Geschehens konfrontiert wird. Er gerät vor das "Geheimnis des Glaubens". Für Jesus, der sich "in der Nacht, da er verraten wurde, aus freiem Willen dem Leiden" unterwirft (Messbuch, Hochgebet II), ist sein Tod "Liebe bis zur Vollendung" (Joh 13,1), Hingabe seines Leibes und Blutes "für euch ", "Neuer Bund in seinem Blut" (1 Kor 11,24 f). Jesu Tod aus Liebe für "uns und für alle" eröffnet uns und allen den Weg des Lassens, des Sein-Lassens von Ungenügen und Spannungen, letztlich den Weg der Annahme des Todes im Leben. Die Seligkeit des Reiches Gottes hier und jetzt hängt am Vollzug dieser ernüchternden Entleerung seiner selbst. Der sich in der Gabenbereitung gelassen hat in seinen Spannungen und seinem Ungenügen hat damit begonnen, sich auf das Mitsterben mit Jesus einzulassen, mit dem er hier deutlich konfrontiert wird. Wie dem guten Schächer (Lk 23,42 f) ist ihm angeboten, mit dem in Liebe sein Leben an Gott zurückgebenden Jesus in seine Auferstehung hineinzusterben. Wer nun desillusioniert dabei ist, sich unterfassen zu lassen von dieser Liebe, sich als Sünder bejahen zu lassen, der wittert bereits hier den Hauch wahren Lebens.
All dies kommt im Geschehen der Liturgie zum Ausdruck: In der Wandlung werden Brot und Wein zu Leib und Blut Jesu geweiht. Da diese Gaben jedoch auch den Gläubigen symbolisieren, der sich - nichtvertrauend vertrauend - Gottes Gericht und Gottes Barmherzigkeit überlässt, wird er nun selbst zum Fleisch Christi, das dieser an sein Kreuz hinaufträgt und das dort stirbt. Dann ist aber alles Ungenügen, alle Sünde, aller Tod gegenstandslos geworden. Er ist frei geworden; befreit dazu, der Sünder zu sein, der er ist, und er spürt, dass dies genügt: "Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat" (Gal2,19 f).
Wo immer der Tod uns Menschen begegnet, geht es um Endgültiges und Tiefstes. So auch hier. Dem die Messe Mitvollziehenden wird aufgrund seiner anfanghaften Hingabe als Sünder im Glauben nun eine antizipierende Erfahrung vom Leben Christi in ihm zuteil. Doch gerade sie stellt ihm die Frage der Gabenbereitung nochmals neu und radikaler: Wer willst du, Mensch, wirklich sein? Wie willst du letztgültig leben: im Lassen aus Vertrauen, in Offenheit, in Beziehung? Oder verschlossen in "dein eigenes Ding", in dem das Ego sich verwirklichen, ja überschreiten will? Diese Frage wird der Mitfeiernde in der Kommunion erneut beantworten.
Doch zuvor verheißt ihm der zweite Teil des Hochgebets die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, der Kirche, die Welt und Geschichte nicht nur umfasst, sondern auch übersteigt. Ihren Mitgliedern ist ewiges Leben schon anfanghafte Erfahrung. Sie leben in "Einheit mit Christus und untereinander im Heiligen Geist'?". Diese Kirche ist "zum Dienst bestellt" an den Menschen, nicht zum Herrschen. Sie findet sich überall auf der Erde. Menschen aller Nationen, Rassen und Schichten gehören ihr an, auch die Toten, die Gott bereits "schauen von Angesicht zu Angesicht". Sie besteht nicht nur aus Christen, sondern aus allen, "die bei [Gott] Gnade gefunden haben von Anbeginn der Welt". So gehören zu dieser Kirche z. B. Abraham, der im Vertrauen Alles und Gewohntes hinter sich ließ und Neuland betrat; ebenso Mose und Elija, die in Vorschussvertrauen und Vorschusshoffnung in den Schwierigkeiten und Leiden ihrer Aufgabe aushielten; David gehört dazu, der, obgleich Räuberhauptmann, Ehebrecher und Mörder, sich all dem stellt und ewige Annahme erfährt. Ob ihr nicht auch ein Buddha angehört, ein Al-Halladsch'" und viele andere aus allen Religionen, Gottgläubige und Atheisten? Menschen, die in ihrem Leben nicht sofort jeden Mangel ausfüllten; die darauf verzichteten, ihre egomanen Motive rücksichtslos auszuagieren; die nach innen horchten und das Vernommene taten, auch wenn sie sich selbst überwinden und das Kreuz tragen mussten.
Die nächsten Elemente der Messe entfalten das Geschehene. So erlaubt das Mitsprechen des "Vater unser", sich als Glied an der verheißenen Gemeinschaft zu vollziehen und im Geiste Jesu "zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott" (Joh 20,17) zu beten. Der dem Beter dann zugesprochene Friede Christi bezieht sich auf den Anhauch dieses Friedens, der bei der Wandlung zu verspüren war, und erinnert zugleich daran, dass wahrer Friede aus dem Sein-Lassen der inneren Spannungen entsteht, damit deren verschiedene Anteile miteinander versöhnt und integriert werden können. Die Kommunion stellt den Mitfeiernden nun vor die Entscheidung, zu dieser Gemeinschaft in Christus sein Ja zu sprechen und "kommunizierend" zu leben: in Beziehung, Offenheit und Vertrauen. Das Siegel dieser Entscheidung ist der Empfang des Leibes (und Blutes) Jesu, zu dem er hinzutreten muss. Nach dem Kommunionempfang kehren Sättigung und Ruhe ein.
Irgendwie ist es jetzt "vollbracht", wie Jesus seine Passion vollbrachte (Joh 19,30). Die Messe steht vor ihrem Ende. Die TeilnehmerInnen werden in der kleinen verbleibenden Zeitspanne nicht mehr groß behelligt. Von dem, der sich zum Kommunizieren entschieden hat, fällt nun die Anspannung ab, die sich bei ihm im Mitvollzug der Messe aufgebaut hatte. In der Zeit nach dem Empfang der Kommunion können auch ihm, wie den Jüngern zu Emmaus, die Augen aufgehen. Thomas Merton beschreibt diese Zeit als eine kontemplative "Stille voller Köstlichkeiten und Ruhe und Weihe, in der es zwar nichts gibt, was die Sinne oder die Fantasie oder den Intellekt nähren und befriedigen könnte, worin aber der Wille in einer tiefen, lichtvollen und allumfassenden Erfahrung der Liebe ruht. Diese Liebe ist wie die leuchtende Wolke, die die Apostel auf dem Berg Tabor umhüllte, sodass sie ausriefen: .Herr, wie gut ist es für uns, dass wir hier sind!' (vgl. Markus 9,5). Und aus den Tiefen dieser Wolke berührt und beruhigt es uns, und die Stimme Gottes spricht ohne Worte, äußert aber sein Wort schlechthin."
Der Gläubige erfährt nun, dass Gott auch mit ihm kommuniziert. Er weiß sich angenommen, wie er ist; sein Sich-Seinlasssen wurde bestätigt. Man kann aus dem Verdanktsein leben. Waren schon alle Stationen der Messe getragen von der Gemeinschaft derer, die den inneren Weg der Eucharistie mitvollzogen haben, und ward dies auch spürbar in der sich verdichtenden Atmosphäre der feiernden Gemeinschaft, so lebt nun diese kontemplative "Stille voller Köstlichkeiten" in besonderer Weise von den im Dank verharrenden Personen. Oft ist dieser Zeit des stillen Verweilens eine Unmittelbarkeit und Präsenz, ein Frieden und eine Versöhntheit geschenkt, die den Einzelnen hält und erfüllt. Sie öffnet sein Herz. Er kann sich lassen. Das hinwiederum verstärkt den Geist, der über allen und in allen und durch alle gegenwärtig ist. Mehr als sonst betritt der Einzelne hier als Glied der Gemeinschaft der Dankenden die Sphäre Gottes.
Das Schlussgebet fasst in einer Bitte zusammen, was sich im Prozess der Eucharistie ergeben hat und sich nun im Alltag äußern soll. So heißt die Entlassung "Gehet hin in Frieden" ja nicht (nur) "Streitet euch nicht auf dem Heimweg von der Kirche!" Sie bedeutet vielmehr Sendung nach außen in die Lebenswirklichkeit hinein, wo es gilt, aus dem in der Messe Empfangenen und Entschiedenen zu leben und zu handeln. Die Emmausjünger brachen "noch in derselben Stunde ... auf und kehrten nach Jerusalem zurück.“ Sie haben im Mahl erfahren, dass gehorsames Leiden aus Liebe und in Liebe Welt und Tod besiegt. So sind sie bestärkt darin, das Kreuz in ihrem Leben anzunehmen, statt davor zu fliehen, wie sie es wohl taten, als sie Jerusalem verließen. Auch bei den MessteilnehmerInnen wird es sich um einen Schritt der Umkehr handeln, in dem sich ihre Mitfeier der Eucharistie in die Welt inkarniert.
Treten wir nun ein wenig zurück und betrachten den Prozess der Messe im Ganzen: Was sehen wir, wenn wir im Horizont des spirituellen Schritts auf sie schauen?
Es liegt auf der Hand, dass der Eintritt in die Messe die Wende des Teilnehmenden von außen nach innen verlangt und die Entlassung am Ende des Gottesdienstes ihn nach außen sendet. Dazwischen liegt in der Tat ein Weg in die Tiefe: Der Wortgottesdienst vertieft die Selbsterkenntnis des Teilnehmenden und seine Sehnsucht, Liebe zu geben und unbedingte Bejahung zu erfahren. Die ersehnte Erfahrung von Bejahung könnte aber nicht unbedingt sein, wenn er sich nicht so lassen würde, wie er sich nun vorfindet. Dazu lädt ihn die Gabenbereitung ein. Die Wandlung fordert ihn vor dem bis in seinen Tod hinein liebenden Jesus heraus, sich Jesu Weg der Annahme des Todes anzuvertrauen und seine Wirklichkeit zu durchleben. Die Kommunion ist sein Ja dazu. Die Vorschussannahme seiner selbst disponiert ihn, in seinem Mitsterben mit Christus unbedingte Annahme zu erfahren und in der Stille danach zu verkosten. Der Ablauf der Messe weist also alle Momente eines spirituellen Schrittes auf.
Doch kann die "Seele" des Teilnehmenden ihn tatsächlich in der Messe vollziehen? Hat sie in der Messe den Raum, den sie braucht, um organisch fortschreiten zu können? Das Problem ist, dass der Ablauf der Messe sie in eine Art Prokrustesbett spannen kann: Er ist zu betriebsam, wo ihr der Sinn nach Verweilen steht. An andern Stellen kann die Seele ihre innere Präsenz nicht aufrechterhalten. Wo er zu äußerlich ist oder in Ästhetik oder Routine stecken bleibt, driftet sie in Gedankenwelten dort und dann ab. Die Predigt ist klug, vermag jedoch keine Perspektive für den Lebensvollzug zu vermitteln. Die Präsenz der Liturgen scheint mehr dazu zu dienen, sich selbst aufzuführen, als hinter der Gegenwart Christi zurückzutreten. Das ist die Krux einer jeden Aufführung, wie auch die Messe eine ist. Umso mehr stellt sich die Frage der Gestaltung. Vor allem aber ist der Priester herausgefordert, zu tun, wozu der Bischof ihn bei seiner Weihe ermahnte, als er ihm Kelch und Hostienschale für die Feier der Eucharistie überreichte:
"Bedenke, was du tust,
ahme nach, was du vollziehst,
und stelle dein Leben
unter das Geheimnis des Kreuzes.

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