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Ostergrüße aus dem Tagebuch der Bettine Brentano:

„Heute haben wir Grünen Donnerstag, da hab’ ich kleiner Tempeldiener viel zu tun; alle Blumen, die das frühe Jahr uns gönnt, werden abgemäht, Schneeglöckchen, Krokus, Maßlieb und das ganze Feld von Hyazinthen schmücken den weißen Altar, und dann bring’ ich die Chorhemdchen und zwölf Kinder mit aufgelösten Haaren werden damit bekleidet; sie stellen die Apostel vor. Nachdem wir mit brennenden, blumengeschmückten Kerzen den Altar umwandelt haben, lassen wir uns im Halbkreis nieder, und die alte Äbtistin mit ihrem hohen Stab von Silber, umwallt von Schleier und langem, schleppendem Chormantel kniet vor uns, um uns die Füße zu waschen. Eine Nonne hält das silberne Becken und gießt das Wasser ein, die andere reicht die Linnen zum Abtrocknen; indessen läutet es mit allen Glocken, die Orgel ertönt, zwei Nonnen spielen die Violine, eine den Baß, zwei blasen die Posaune, eine wirbelt auf den Pauken, alle übrigen stimmen mit hohen Tönen die Litanei an: „Sankt Petrus, wir grüßen dich – du bist der Fels, auf den die Kirche baut.“ Dann geht es zum Paulus, und so die Reihe durch werden alle Apostel begrüßt, bis alle Füße gewaschen sind. – Nun siehst du, das ist ein Tag, auf den wir uns schon ein Vierteljahr lang halbselig gefreut haben. Die ganze Kirche war voll Menschen, sie drängten sich um unsre Prozession und weinten Tränen der Rührung über die lachenden unschuldigen Apostel.
Von nun an ist der Garten wieder offen, der den Winter über unzugänglich war; jedes läuft an sein Blumengärtchen, da hat der Rosmarin gut überwintert, die Nelkenpflänzchen werden unter dem dürren Laub hervorgescharrt, und so manches junge Keimchen meldet den vergessenen vorjährigen Blumenflor. Erdbeeren werden verpflanzt und die blühenden Veilchen sorgfältig herausgehoben und in Scherben versetzt; ich trage sie an mein Bett und lege den Kopf dicht an sie heran, damit ich ihren Duft die ganze Nacht ein- und ausatme.“

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