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Leseprobe: Der spirituelle Weg

Leseprobe aus Kapitel „Der Schritt auf dem spirituellen Weg“
Dieser Leseprobe voraus gehen:
Seite 109 - 3. In die Tiefe
Seite 110 - 3.1. Durchbruchserfahrung 
Seite 121 - 3.2. Annahme des Todes und Verwandlung des Selbst
Leseprobe ab Seite 128:
Geburt einer neuen Identität
Was in der Tiefe stirbt, sind jeweils lebens- und beziehungsfeindliche Muster der Person. In den Beispielen: die arrogante Verweigerung des Lebens, das Nicht-zu-sich-selbst-stehen-Können aus Angst vor Misserfolg und das Den-Splitter-im-Auge-des-andem-erblicken-Müssen, das den anderen zum abzuwehrenden "Barbaren" macht. Der Tod löst also wahrhaftig Fesseln, die den Menschen in der Höhle der Idiopolis gefangen halten, von denen er meint, sie auch heute noch zu brauchen. In diesem schmerzhaften Sterben bekommt das Ego, Konstrukteur und Mittelpunkt der idiosynkratischen Welt, Sprünge, die bisherige Identität als Bürger der Idiopolis (s.S.44ff) beginnt zu sterben. Bislang verdrängte Facetten der Wirklichkeit treten ins Licht der Bewusstheit. Wenn die Person sich mit ihnen in Beziehung setzt, integrieren sie sich allmählich. Dieser Vorgang, der erst von Schmerz, dann von Trost und Freude begleitet wird, führt zu einer neuen Identität. "Identität" ist hier natürlich nicht im Sinn des Personalausweises, sondern als Selbsterleben, Selbstverständnis, Selbstvollzug zu verstehen. Dass der in dieser Weise wie neu geborene Mensch zu neuen Möglichkeiten des Lebens und Verhaltens befreit ist, haben bereits die drei Beispiele (3.1) erkennen lassen.

In dem Maße, in dem ein Mensch außen lebt, muss er seine Identität außen festmachen: an Position, Besitz, Erfolg, Herkunft, Fitness, Schönheit usw. Wie sehr das für einen selbst zutrifft, merkt man meist erst an der bange aufsteigenden Frage "Wer bin ich denn jetzt überhaupt noch?'" wenn einer dieser äußeren Pfeiler der Identität wegbricht. Die Identität, die nun in der Tiefe durchbricht, bedarf dieser äußeren Stützpfeiler in geringerem Maß; sie ist tiefer gegründet, die Persönlichkeit gereift.
Der Bürger der Idiopolis kann sich wie halbiert vorkommen und leben wie mit angezogener Handbremse. Insofern nun Verdrängtes integriert wird, Verbote aufgehoben werden, fühlt sich das neue Selbst "ganzer" und lebendiger an, steht in einem unmittelbareren Kontakt mit seiner Mitte. Das Feld des inneren Lebens, bisher von der Gefahr begrenzt, an Verdrängtes zu rühren, ist zu einer ganz neuen Weite befreit.
Diesem Text folgen:
Seite 129 - 3.3. Der Durchbruch als spirituelle Erfahrung
Seite 130 - Unbedingte Bejahung
Leseprobe ab Seite 134:  
Ernüchterung - Über-Erfüllung - Liebe
Der Weg in die Tiefe ist Ernüchterung und Über-Erfüllung. Ernüchternd, weil, indem alles einer zweiten und dritten kritischen Wahrnehmung unterzogen wird, etliche Überzeugungen zu Illusionen zerstäuben. Dabei nähert sich der Fokus der Aufmerksamkeit dem eigenen Standort, so dass in der Erfahrung des Durchbruchs dessen Verstrickungen sich lösen. Dann kann wesentlicher gesehen, können die Schlüsselstellen von Situationen erfasst, Problemlagen in ihrem Kern erkannt werden. Als Jesus vor Pilatus seine Sendung als "Zeugnisgeben für die Wahrheit" charakterisiert, meint er damit, den Dingen auf ihren Grund blicken zu können, d. h. sie zu sehen, wie sie wirklich sind. Pilatus kennt Wahrheit nur in Abhängigkeit von Standorten. Er wechselt den seinen nach der Aussage Jesu auch sogleich, wohl weil ihm der Boden zu heiß wird. Der Grund der Dinge erschließt sich, wenn der eigene Standort nicht gewechselt, sondern die ihm zugrunde liegenden Ängste und Sehnsüchte bewusst durchlebt werden.
Was sich dann in der Tiefe einstellt, ist nicht nur Erfüllung der jeweiligen Sehnsucht des Seins, sondern Über-Erfüllung.
Schauen wir nochmals auf die Beispiele (3.1): Im Jugendzentrum hoffte ich, meine Anspannung und Unruhe zu überwinden. Ich fand Frieden. Einen Frieden, der dadurch zustande kam, dass tief in mir etwas gerichtet und versöhnt wurde. So ähnlich ist es auch dem Meditierer ergangen, der wahre Selbsterkenntnis erhielt. Bei meiner ersten Bekehrung hatte ich erhofft, dass mich Friede und Freude, Sinn und Liebe erfüllen würden. Das war auch so. Und gleichzeitig übertraf, was mir widerfuhr, alles, was ich erwarten konnte. Es war nicht Steigerung der Freude, des Friedens, der Liebe, die ich kannte, es war eine andere, ganz neue Art davon. Da war etwas ganz Einfaches darin, das völlig nüchtern, unaufgebläht, bescheiden, rein, klar und makellos war. Etwas unerhört Feines, unaufdringlich und anspruchslos, wie nichts. Das war es vor allem, was die Erfahrung so erschütternd und unaussprechlich machte.

Wenn der Durchbruch als "das Ende der Anstrengung und des Strebens, die Erfüllung des Begehrens und der Hoffnung, die Antwort auf die Sehnsucht und das Seufzen" erfahren wird, wie Maslow es oben beschrieb, dann kann sich der Mensch entkrampfen und die Mitte freigeben, die er einnahm in seiner Anstrengung und seinem Streben, seinem Begehren und Bangen, seinem Hoffen und Seufzen. Denn die Bitte seines Seins wird ihm unversehens und gratis erfüllt, wo er sein lässt, was ist. Ruhe und Gelassenheit kehren in sein Leben ein, egomane Aktivitäten büßen an Bedeutung ein. Das heißt nun nicht, dass er von Stund an untätig ist, sondern "die guten Werke tut, die Gott für ihn im Voraus bereitet hat" (vgl. Eph 2,10). Die wohl edelste Gabe in Zusammenhang mit der Eröffnung des grundlosen Abgrundes im Menschen, wie sie im Durchbruch geschieht, besteht in der Befähigung zur Liebe. Der Philosoph Josef Pieper destilliert als größte Gemeinsamkeit aller unterschiedlichen Sprachgebräuche von "Liebe" - die deutsche Sprache kann alles lieben: Goethe, Freundin, Hobby und Hund - heraus, dass es stets um die Bejahung des Geliebten oder der geliebten Sache geht. Lieben heißt ganzheitlich vollziehen: gut, dass es dich gibt. "In jedem denkbaren Fall besagt Liebe soviel wie Gutheißen .... Gut, dass es das gibt!"" Allerdings nicht im Sinne eines bloßen Sagens und Nennens, sondern als Willensäußerung, die besagt: "einverstanden sein, beipflichten, Billigung, Beifall, Bejahung, Lob, Rühmung und Preisung." ... "Was nämlich der Liebende mit Blick auf die Geliebte sagt und meint, ist nicht: Wie gut, dass du so bist (so klug, brauchbar, tüchtig, geschickt), sondern: Gut, dass du da bist; wie wunderbar, dass es dich gibt?" Auch für Thomas von Aquin heißt Lieben, den anderen annehmen, wie er ist. Solange man sich selbst in seiner Tiefe nicht angenommen erfährt, so lange kann man, "entgegen dem äußeren Anschein, keine wirkliche Sorge oder Liebe für einen anderen Menschen empfinden?" bzw. muss diejenigen ablehnen, die leben, was man selbst sich verbietet oder gar abgespalten hat. Die Vermittlung von Annahme durch Menschen ist notwendig. Unverzichtbar ist jedoch das Widerfahrnis unbedingter Bejahung als Sünder, als Bürger der Idiopolis, um mit den anderen, trotz der Splitter in deren Augen, barmherzig umgehen zu können - weil das eigene Herz Barmherzigkeit erfahren hat trotz der Balken im eigenen Auge. Die Mängel und Schwächen, die eigenen und die des anderen, werden sich selten ganz überwinden lassen. Doch angenommen, stören sie die Liebe nicht.
Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass Lieben nicht zuerst eine Sache der Gefühle oder des guten Willens ist. Doch beide können helfen, den Weg zur Liebe zu bereiten: Erotik, Sex, Verliebtheit vermögen dies dadurch zu tun, dass sie einen wahrheitsliebenden Menschen befragen, inwieweit er den anderen für den eigenen Genuss benutzt. Und im Helfen und Gutestun erblickt ein aufrichtiger Mensch auch seine Macht und seine erhöhte Position gegenüber dem Adressaten. Beides erweist sich so als unvollkommen und weist über sich hinaus. Tatsächlich ist es der unbedingte Grund, der sich in der Tiefe mitteilt, auf dem wirkliche Liebe gedeiht.

Diesen Abschnitten folgen:

Seite 137 - Der Durchbruch ist Offenbahrung und Verhüllung Gottes
Seite 141 - 3.4. Wandlung des Gottesbildes
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