Home  Druckversion  Sitemap 

Leseprobe: Höret die Stimme

...Die Terasse war weit ins Wasser vorgebaut. Konnte man aber diese dickflüssig schwärzliche Flut ohne Atem überhaupt noch Wasser nennen? Das unbestimmbare Element des Toten Meeres - nicht mehr ganz flüssig und noch nicht fester Stoff - dehnte sich schwerfällig hinaus, wo die österlichen Strahlen einer jungen Sonne in ihren Dunstgewändern ein wechselndes Schaugefecht darboten. Die südliche Ferne tat weh, ließ sich nicht fassen. Die Gebirge aber im  Osten und Westen, die den Asphaltsee einklemmen, gaben dem Auge Halt...
...Selbst hier noch war der süße umhüllende Blütenduft zu spüren, den die Oase verströmte. Von Zeit zu Zeit aber wurde die Luft merkwürdig schwer, als wolle sie zu einer geleeartigen Speise gerinnen, die man nicht einatmen, sondern kauen muss. Nur an dieser plötzlichen Schwere der Luft ließ es sich erkennen, dass man in einer der tiefsten Mulden der Erde saß, die Oberfläche aller Ozeane mehr als vierhundert Meter hoch über den Köpfen...


...Major Shepston sah plötzlich betroffen drein, als sei er von seinen eigenen Aufführungen unangenehm berührt, zu denen ihn das Wort vom Mittelpunkt der Welt hingerissen hatte...
"...Ich bin kein Neuling und war schon bei vielen Grabungen in Hellas und Ägypten beteiligt...Die Erde hier ist nicht so üppig, so hingebend wie dort. Sie ist wortkarg, ja beinahe stumm, sie hält ihre Geheimnisse fest. Der kleinste Fund schon erregt Herzklopfen...Vielleicht liegt darin der Unterschied. Es ist der Unterschied zwischen Homer und Bibel..." Und Burton schloss knabenhaft träumerisch: "Oder wenn Sie wollen, der Unterschied zwischen Gymnasialzeit und Kindheit..."

"...Sie sind der Historiker, Burton, helfen Sie mir! Wie hieß jener biblische König, der mit seinem kleinen Heer die gewaltige Übermacht Ägyptens bei Meggiddo angegriffen hat..?"
"König Josijah", sagte der Archäologe nachsichtig, "derselbe, unter dem der Prophet Jeremias seine Wirksamkeit begann..."

..."Ist Ihnen im Leben vielleicht schon einmal das Wort Akasha begegnet?"...
..."Bilder-Äther..." wiederholte Major Shepston, fast stöhnend. Das Wort schien ihn anzustrengen und mit Unruhe zu erfüllen...
..."Akasha aber, diesen übersinnlichen Stoff, können wir uns nicht vorstellen, denn Akasha ist das Vor-Licht, das Ur-Licht. Nach der Lehre meines Freundes enthält Akasha in jeder seiner Partikeln alle Erscheinungen und Geschehnisse des Kosmos auf unbegreifliche Weise gleichzeitig und allräumlich... Was sie Dèjà vu nennen, lieber Burton, erklärt mein östlicher Freund mit einer plötzlichen Verdichtung Akashas, die in unserem Geiste vergeblich zu Bewusstsein kommen will..."


...Jirmijah hebt die Augen zum matten Geflimmer des himmlischen Bandes, das noch immer über der Schicksalskammer der Schicksalsbestimmung und Mardukhs Fahrt steht. Samger Nebu hat die Wahrheit gesprochen. Wie könntet ihr dort oben, ihr Gezählten und ihr Ungezählten, die Freiheit des Erbarmens besitzen, die nur dem echten Herrn zusteht!? Ihr Vielheiten des Nachthimmels aber, deren jede geschlossen und berechnet ist, ihr seid nur funkelnde Knechte, die sich in Esagilla als Herren aufspielen. Euer Anteil an der Macht mag es sein, Flut und Ebbe zu regeln, Gesundheit und Krankheit, Geburt und Tod, oder wenn Adonai sich eurer bedient, mit den Wasserkrügen der Sintflut und mit den Pechfackeln des Weltbrands durch die Gezeiten zu eilen. Ihr aber seid keine Voraussetzungen, sondern Danachsetzung, und deshalb ist alle Wissenschaft Lüge, die euch zur Voraussetzung macht. Gebundener seid ihr als der gebundene Mensch, als der Sohn Davids in seinen Fesseln, um dessentwillen Jirmijah jetzt spricht, was er spricht. Wenn er auch genau weiß, was er mit diesen Worten an Mardukhs heiligster Stätte unternimmt, so kann er sie doch nicht zurückdrängen. Es erfüllt sich an ihm die vorgeburtliche Aussonderung, die ihn als Künder unter die Völker gestellt hat. Und was er dem Totenvolk Amentis gekündet hat, das kündet er jetzt an weit gefährlicherem Orte dem Sternenvolk Babels und des Universums: „Hört, Mardukh und alle Gestirne, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig!"
Nicht feierlich oder gar dröhnend legt Jirmijah dieses Donnerbekenntnis ab, das den Vorrang der Sterne verwirft, sondern sehr zart und fast verschämt über so Großes, das sein Mund nicht verschweigen darf. Die Sterne merken auf. Mardukh wendet ihm sinnend den Kopf mit der hohen Krone zu.
Vielleicht rettete es des Künders Leben, daß nur Übermächtige den Anruf in der Sternkammer Etemenankis vernommen haben. ...

 ... Nicht hatte der Herr ein abscheuliches, aber nichtssagendes Leiden über ihn verhängt. Alles sprach sich aus. Jedes Geschehen war ein Sprechen, das durch sich selbst seinen Sinn bekanntgab, wie der Ton in des Töpfers Hand. Der ganze Weltlauf, ob Mückenflug, ob Kriegsgetümmel, beichtete, indem er sich ereignete, das ihm innewohnende Geheimnis. Daß er, der Ausgesonderte, ohne Schuld im Stinkpfuhl bis zu den Knien im Kote stand, auch dies sagte etwas Bedeutendes aus, dadurch, daß es geschah. Zur Erkenntnis dieser Bedeutung aber verhalf ihm die Rede Jerijahs, die er noch im Ohr trug. Ohne Zweifel hatte ihn der Herr durch Chananjahs Sohn vor dem sicheren Tod bewahrt. Zugleich aber hatte Adonai den gehässigen Mund des Hauptmannes dazu benützt, um vom „Wort Gottes" zu sprechen, „das in einen abscheulichen Leib niedersteigt, voll Schleim und Rotz, voll Kot und Kutteln!" Mit einem Schlage verstand Jirmijah das Grauen und den Ekel, die den Herrn erfüllen mußten, wenn er sein Wort herabsandte, daß es aus einem menschlich-leiblichen Gehäuse ertöne. Jirmijahs eigene schlimme Lage in diesem Kotgrabe entsprach der schlimmen Lage des göttlichen Wortes, das unermüdlich immer wieder niederstieg, um Israel zu retten, und immer wieder ungehört verschmachten musste. Dabei war der Ekel, den der Kot verbreitete, gewiß nur ein gedämpftes Abbild des göttlichen Ekels, der durch den Kot des Geistes hervorgerufen wurde, durch Abfall, Untreue, Sünde, Götzendienst, Greuel, Liebesverrat, durch alles, was sich von der urersten Freude haßvoll entfernte. Da überflutete den Herabgestürzten in seinem Pfuhl ein warmes Erbarmen mit dem leidenden Allerbarmer, und er hob seine Hände aus der Tiefe zu ihm empor mit großer Innigkeit.
Seine Beine standen und standen und wurden nicht müde, da sein Herz von mächtigem Erkennen rauschte. Er hatte wohlgewollt und sich hingegeben. Dafür war er geschändet und von den Menschen dem langsamen Tode vorgeworfen worden. Das Bewusstsein aber, daß sein Leiden für und durch Jakobs Volk, nur eine Sinnspiegelung sei, versetzte Jirmijah in einen unbekannten Zustand starrer Entrückung, so daß er seinen entwürdigten Körper kaum mehr spürte und den scharfen Jauchegestank kaum mehr roch. Diese starre Entrückung half ihm über Stunden und Stunden hinweg...

 ...„Wovor sollte Mardukh sich fürchten?" Drohte der Großherr ins Gestänge. ...
„Du fürchtest die Folgen...Du fürchtest den Gott, den du nicht kennst...In Übereinstimmung ist die Himmelschrift und die Schrift des Weissagers..."
Nebukadnezar schwieg, ließ Zeit vergehen, endlich bekannte er seinem Landtag:
„Es ist wahr...Die Folgen sind schlimm, wenn ich keine neuen Ursachen setze...Nur ein kurzes Ner dauert mein Weltenjahr...Nach siebzig Jahren stürzt alles zusammen... Ein Unbekannter hat mich zu seinem Knecht gemacht..."

... „So rate mir!" rief Mardukh. „Wenn ich diese elende Stadt und den Tempel darin, das heilige Gut ihres Gottes, zerstöre, zerstöre ich mich selbst nach siebzig Jahren."...

 ... „Der Sohn Davids", sagte er, „komme in Sack und Asche, bloßfüßig, werfe sich nieder vor mir und leiste Demut aller Arten, dann will ich schonen das Gut seines Baals, und er selbst und seine Sippe mag leben..."

..." Willst du nicht fassen, Schwacher", hauchte Jirmijah, ohne seine Tränen mehr zu hemmen, „daß dieses Opfer deine einzige Stärke ist?"
Zidkihah raffte seine Sterbekleider fest um seinen Körper zusammen, als scheue er eine Berührung.
„ Vielleicht weißt du", sagte er,"wer Gott ist. Was ein Mann ist und ein König, das weißt du nicht..."
Nach diesen Worten verhüllte er sein Haupt. Dann saßen sie beide wortlos beisammen. Noch lange...

CMS von artmedic webdesign